Menschen in psychisch-seelischen Ausnahmezuständen, etwa mit Ängsten, Depressionen oder Traumata, suchen Orientierung und Unterstützung. Manche finden sie in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung. Andere suchen in spirituellen Traditionen, in Ritualen, in Praktiken, die sich nicht mit dem Maßstab der westlichen Medizin messen lassen, aber trotzdem wirken. Seit Jahrtausenden, in zahlreichen Kulturen auf der ganzen Welt.

 

Das Schweigen auf beiden Seiten

Spirituelle Erfahrungen von Patient:innen werden im psychiatrischen Alltag häufig als Symptome gewertet und entsprechend behandelt. Gleichzeitig meiden Menschen in Krisen psychiatrische Versorgungsangebote aus Sorge vor Stigmatisierung, Zwangskontexten oder Medikamentierung. Dieses gegenseitige Schweigen hat zur Folge, dass spirituelle Bedürfnisse in der klinischen Begegnung unsichtbar und die darin liegende Ressource für den Genesungsprozess ungenutzt bleiben.

Dabei erkennt die WHO Traditional & Complementary Medicine ausdrücklich als relevanten Bestandteil globaler Gesundheitsversorgung an. Auch DGPPN und WPA empfehlen in ihren Positionspapieren, Religiosität und Spiritualität in Anamnese, Diagnostik und Behandlung einzubeziehen. Die Frage ist, weshalb sich dies so marginal in der Praxis niederschlägt.

Der sogenannte Schamanismus eröffnet hier einen möglichen Zugang: Der Animismus, die Beseeltheit aller Dinge, ist die Grundlage der Heilung. Psychisches und physisches Leiden wird nicht als Abweichung, Fehlfunktion oder Neurotransmitterstörung verstanden, sondern als Ausdruck der in Not geratenen Seele, eine Störung im Kontakt mit den Geistern der Ahnen und der Umwelt, und einer Krise des In-der-Welt-Seins. Das Seelische, dieses schwerst greifbare Etwas, ist der Zugang zu Heilung.

 

Ein verlorenes Erbe im europäischen Raum

Die Frage, ob schamanische Praxis im europäischen Kontext legitim ist, berührt eine tiefe kulturhistorische Wunde. Vorchristliche Traditionen, die mit Geistwesen, Ritualen und Trancezuständen arbeiteten, wurden im Zuge von Christianisierung und Modernisierung weitgehend ausgelöscht oder an den Rand gedrängt. Als einziges indigenes Volk Europas mit einer bis in die Gegenwart nachweisbaren schamanischen Tradition gelten die Sámi im nördlichen Skandinavien, deren Kultur und spirituelle Praxis jedoch ebenfalls Jahrhunderte kultureller Überformung und Missionierung erfahren hat.

Die Auslöschung dieser Traditionen hat eine Leerstelle hinterlassen, die einen Wildwuchs erzeugte. Unter den Sammelbegriffen des „Neopaganismus“, des „Neoschamanismsu“ oder „Neuheidentums“ sind seit dem späten 20. Jahrhundert zahlreiche spirituelle Bewegungen entstanden, die unter Rückgriff auf vor- und nichtchristliche Glaubensvorstellungen eine naturreligiöse Religiosität zu rekonstruieren versuchen: von der Wicca-Bewegung über neodruidische Strömungen keltischer Provenienz bis hin zu neoschamanistischen Zirkeln und individualisierten Formen einer sogenannten „DIY-Spiritualität“.

Damit verbunden zeigt sich ein bis dato nicht aufgelöstes Dilemma: Ist schamanisches Arbeiten im europäischen Kontext zwangsläufig kulturelle Aneignung? Nötigen die historische Wunde und spirituelle Leerstelle zu außereuropäischen Anleihen bei indigenen Gruppen? Die achtsamkeitsbasierten Therapien haben diese Frage bereits für sich beantwortet: Die aus dem Buddhismus entnommenen Elemente zur Achtsamkeit gehören mittlerweile zum Behandlungsstandard in der Psychotherapie .

 

Bridge the gap – Eine Brücke, die noch gebaut werden muss

Empirische Forschung belegt, dass Spiritualität ein bedeutender Recovery-Faktor für Menschen in psychisch-seelischen Ausnahmezuständen sein kann. Schamanisch-informierte Praktiken können Kongruenz zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung wiederherstellen, Autonomie fördern und die Bereitschaft für Standardtherapien messbar erhöhen.

Es braucht keine Entscheidung zwischen Wissenschaft und spiritueller Praxis. Es braucht Brücken zwischen Deutungssystemen, zwischen Disziplinen und zwischen Menschen.

 

Herzlichst,
Dr. phil. Julia Rehn
Kulturwissenschaft – Soziale Arbeit – Schamanische Praxis