Psychopompos ist ein recht junger Begriff aus dem Griechischen für etwas, das Schamanen seit zehntausenden von Jahren und immer noch tun: sie geleiten die Seelen von Verstorbenen in eine andere, jüngst „Jenseits“ genannte Welt – Seelengeleiter. Psychopompos ist ursprünglich, na sagen wir mal, eine von mehreren Dienstbezeichnungen des Götterboten Hermes: „Hermes, der tricksterhafte ´Grenzüberschreiter` par excellence, überwand nicht nur als Gott der Diebe die Grenzen des Rechts, sondern auch mit seinen Flügelsandalen die Grenze zwischen Leben und Tod, und wie der Schamane war auch er es, der den Weg zurück kannte“ (aus Hans Peter Duerr „Traumzeit – Die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation“, S. 200, Syndikat Verlag 1982). Vorstellungen dieser Art von Tätigkeit waren in verschiedenen Kulturen verbreitet, u.a. bei den Ägyptern, den Germanen und den Kelten. Bekannt ist das Motiv des Fährmanns am Ufer des Flusses, welcher den Ankömmling (Verstorbenen) auf die Andere Seite bringen soll. Auch das junge Christentum kennt die Seelengeleiter, hier sind es Petrus und die Erzengel.
Die Gründe aus schamanischer Sicht, warum die Seelen von Verstorbenen nicht den Übergang in die Welt jenseits der Dinglichkeit schaffen, sind unterschiedlich. Zum Beispiel bei plötzlichem, unerwarteten Tod kann sich die Seele nicht auf die Veränderung einstellen und bleibt mit der Illusion „hängen“, sie sei noch lebendig. Oder Menschen, die ein äußerst materiell orientiertes Leben hinter sich haben, fällt es sehr schwer, sich von all ihren Dingen zu trennen. Sie bleiben nach dem Tod in der Nähe der Orte und ihrer Dinge „anhaften“. Weiter kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass Menschen, die im Leben nicht erwacht sind, auch im Tod keinen Unterschied spüren. Sie flottieren frei von einem Daseinszustand in den anderen und „hängen“ ziellos in der Zwischenwelt herum:
„In Wahrheit war es das, was ich als Zwischenwelt bezeichne, ein Bereich an den Rändern der Mittleren Welt, eine Art Schnittstelle zur Oberen oder auch Unteren Welt.〈…〉Die Zwischenwelt scheint eine Art Durchgangsstation für menschliche 〈…〉 Seelen zu sein, die dort in einer farblosen, schäbigen Umgebung verlassen warten〈…〉Sie sind bedürftig, haben aber keine Kraft und sind harmlos.“ (Michael Harner, Höhle und Kosmos, 2013, S. 258)
Im Core-Schamanismus sprechen wir von Psychopompos-Arbeit. Als Shamanic Practitioner bin ich kein Psychopompos, ich übernehme zuweilen diese Tätigkeit. Effekte der Psychopompos-Arbeit sind u.a., dass sich die Hinterbliebenen leichter fühlen, es entsteht Raum für neue Erlebnisse. Das Gedankenkreisen um die Verstorbenen läßt deutlich nach. Nach einer Hausreinigung mit Psychopompos-Arbeit spüren die Bewohner neue Klarheit und Leichtigkeit. Für mich selber ist es jedesmal sehr ergreifend, das Glück der Erlösung der Menschenseele im Moment des Überganges miterleben zu dürfen.